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Interview mit einem Nationalisten aus Weißrussland

16.08.2020 - 15:00

Noch ist nicht abzusehen, wohin die sich anbahnende Revolution in Weißrussland führt, doch Revolutionen sind heute leider nicht immer nur unschuldige Volksaufstände gegen die Tyrannei. Dies gilt doppelt, wenn sich diese in der geopolitisch brisanten Zone zwischen Europa und Russland abspielen. So spricht Außenminister Heiko Maas beispielsweise bereits nicht mehr von Weißrussland, sondern von Belarus, und auch die deutsche Presse hat dies bereits weitgehend übernommen. Damit findet bereits sprachlich eine Separierung Weißrusslands von Russland statt. Wohl kaum ein Zufall. Ein Beweis oder auch nur ein Indiz, dass in Weißrussland westliche Akteure dabei sind, ein pro-westliches System zu installieren, ist dies jedoch noch nicht.

Doch selbst wenn sich der Verdacht in dieser Hinsicht erhärten sollte, ändert dies nichts daran, dass die Proteste gegen Lukaschenkos de facto Diktatur gerechtfertigt sind. Ähnlich wie in der Ukraine müssen die geopolitische Wertung und die Wertung aus Sicht des Volkes unabhängig voneinander erfolgen. Um die Perspektive des weißrussischen Volkes zu beleuchten, möchten wir hier einen weißrussischen Nationalisten zu Wort kommen lassen.

 

Der Dritte Weg: Hallo Kim, kannst du dich zunächst für unsere Leser kurz vorstellen?

Kim: Mein Name ist Kim, ich bin ein Nationalist aus Weißrussland, 30 Jahre alt und arbeite im IT-Sektor.

Der Dritte Weg: In Deutschland hört man fast nie Nachrichten über Weißrussland. Wie war die Situation dort vor den Protesten? Wie ist die Lage für den Durchschnittsbürger, waren legale politische Bewegungen möglich, gab es in den letzten Jahren Veränderungen?

Kim: Vor der den Wahlen stand das Land unter autoritärer Herrschaft, mit einem riesigen Polizeiapparat, der jeden Versuch unterdrückte, etwas gegen die Regierung zu organisieren. Versuche, eine Bewegung gegen die Regierung aufzubauen, wurden sofort beendet und die Menschen weggesperrt oder dazu gezwungen, das Land zu verlassen. Die Obrigkeit reagierte besonders scharf auf jede nationalistische Bewegung, da die Regierung effektiv noch immer nach dem sowjetischen Werteparadigma operiert.

Der Dritte Weg: Nach den letzten Wahlen kam es zu Protesten. Was sind die Ziele der Proteste und welche Sorte Menschen unterstützt sie? Beteiligen sich dort eher pro-westliche Liberale, Nationalisten oder eine Mischung aus allen?

Kim: Das Hauptziel ist eine Neuwahl mit einer fairen Auszählung der Stimmen. Weiter soll Beobachtern der Zutritt erlaubt sein. Niemand glaubt die Version der Regierung, dass Lukaschenko 80 Prozent erreicht hat. In der Tat sind Vertreter aller politischen Strömungen an den Protesten beteiligt.

Der Dritte Weg: Die Regierung Weißrusslands ist noch immer eng mit dem Kreml verbunden. Richten sich die Proteste auch gegen Russland?

Kim: Russland spielt keine Rolle bei den Protesten. Die meisten Menschen sind mit den Beziehungen zu Russland einverstanden, die Lukaschenko unterstützte.

Der Dritte Weg: Die Ersten sprechen bereits vom Versuch eines „Regime Change“ durch die USA und den liberalen Westen. Was würdest du diesen Leuten sagen?

Kim: Ich würde ihnen raten, einen Psychologen aufzusuchen oder aufzuhören, Drogen zu nehmen.

Der Dritte Weg: Wie ist die Situation bei den Protesten, wachsen sie und gibt es viel Polizeigewalt?

Kim: Die Proteste sind stark am Wachsen. Derzeit sind alle großen Unternehmen im Streik. Das Wachstum der Proteste ist eine direkte Reaktion auf die Gewalt gegen friedliche Demonstranten. Bereits am ersten Tag der Proteste kam es zum ersten Toten. Von Anfang an setzten sie Blendgranaten, Gummigeschosse und Gas gegen Zivilisten ein, obwohl wir nur dastanden.

Der Dritte Weg: Wie, denkst du, wird sich die Situation entwickeln und was wären die Ziele einer Revolution?

Kim: Im Moment weiten sich die Proteste aus und umfassen bereits das ganze Land. Ihr Ziel ist es einfach nur, Lukaschenko auszuwechseln. Es gibt einigen Optimismus, doch vielleicht wird noch das Militär gegen die Bürger eingesetzt.

 

Leider war es unserem Gesprächspartner nicht möglich, uns Bilder der Proteste zukommen zu lassen. Das Auffinden der Fotografien von Barrikaden oder Protestmärschen bei ihm würde die Gefahr schwerer körperlicher Misshandlungen und ähnlicher repressiver Maßnahmen nach sich ziehen.

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