Tschechischer Politiker will Wlassow-Denkmal in Prag errichten – Russland protestiert
Als Kollaborationstruppen werden heute jene Kräfte bezeichnet, die sich im Zweiten Weltkrieg auf der Seite Deutschlands im Kampf gegen die Alliierten und Sowjets schlugen oder nach einem Seitenwechsel für die deutschen Streitkräfte und für einen deutschen Sieg kämpften. Einer der bekanntesten und ranghöchsten Generäle der Roten Armee, der zu den Deutschen überlief, dürfte wohl Andrej Wlassow sein, welcher im Sommer 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, nachdem seine Truppen von der Wehrmacht eingekesselt worden waren und ab November 1944 bis in die letzten Kriegstage hinein mit seiner Russischen Befreiungsarmee den Verteidigungskampf Europas gegen den anrückenden Bolschewismus unterstützte.
Während viele nichtrussische Freiwillige schon kurz nach dem Beginn von Unternehmen Barbarossa in den Ostlegionen eingesetzt worden waren, verzögerte sich aufgrund der skeptischen Haltung der deutschen Führung gegenüber der Zuverlässigkeit Wlassows und zum Teil chauvinistischer Vorbehalte gegen die Verbündung mit Slawen die Aufstellung der Russischen Befreiungsarmee fatalerweise bis kurz vor Kriegsende. Nach dem Ende der Kampfhandlungen wurden die Beteiligten der Wlassow-Armee von den Alliierten an die Sowjetunion ausgeliefert und dort zum Tode oder zur Gulaghaft verurteilt.
Zweierlei Seitenwechsel
Ausgerechnet für jenen General Wlassow, der am 1. August 1946 in Moskau hingerichtet worden ist und selbst im postsowjetischen Putin-Russland noch immer als Verräter gilt, will nun der tschechische Lokalpolitiker Pavel Novotny in Prag ein Denkmal errichten lassen. Begründet wird dieses Vorhaben mit der Beteiligung von Wlassow-Truppen am Prager Aufstand im Mai 1945, nachdem diese die drohende Niederlage angesichts der bolschewistischen Übermacht bereits vor Augen hatten und mit einem erneuten Seitenwechsel auf die Milde der Sieger hofften. Doch mit diesem Vorhaben hat der Bürgermeister des Prager Stadtteils Řeporyje dennoch den Zorn der Russen auf sich geladen. So protestierte die russische Botschaft in Tschechien bereits vehement gegen das geplante Denkmal. Die Pläne würden sich laut der russischen Vertretung gegen ein „Abkommen gegen die Verjährung von Kriegsverbrechen“ aus der Zeit des Kommunismus richten. Stattdessen sollte auf Anraten Moskaus viel lieber ein Denkmal für Marschall Iwan Stepanowitsch Konew errichtet werden, der als Oberkommandant für die Streitkräfte des Warschauer Paktes für die jahrzehntelange Unterdrückung der Tschechen unter der Knute des Kommunismus verantwortlich war und in Putin-Russland heute immer noch als Held gefeiert wird.
Doch unbeirrt hält Pavel Novotný an seinem Vorhaben fest. In einem persönlichen Brief an Wladimir Putin konterte Novotný trotzig, dass Řeporyje den Russen nichts schulde. „Wenn wir meinen, wir schulden Wlassow ein Denkmal, bauen wir das“, schrieb der Prager Bezirksbürgermeister an die „liebe, freche Russische Föderation“. Russland wollte das nicht auf sich sitzen lassen und schickte eine tschechische Delegation um den Landwirtschaftsminister, die sich auf der Reise in Russland befand, geradewegs nach Tschechien zurück. Wer hätte gedacht, dass auch 18 Jahre nach dem Ende des Kommunismus noch immer eine polarisierende historische Figur wie Andrej Wlassow für eine Spannung zwischen Europa und dem heutigen Russland, das für viele europäische Nationalisten ja als potentieller „Bündnispartner“ gilt, sorgen könnte? Erneut zeigt Moskau dabei sein wahres Gesicht, das viele wohlmeinende Patrioten immer wieder ausblenden.
