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Buchvorstellung: Was uns Menschen verbindet: Humanethologische Angebote zur Verständigung zwischen Leib- und Seelenwissenschaften (+Audio)

24.11.2018 - 05:00

 

Gerhard Medicus ist ein Humanethologe und Psychiater mit einer evolutionsbiologischen Grundhaltung. Er gehörte, laut Wulf Schiefenhöfel, zum Kreis von Konrad Lorenz und Rupert Riedel, zwei berühmten und revolutionären Wissenschaftlern. Gerhard Medicus schreibt auch eigene Beiträge in Wissenschaftslexika, so schreibt er zum Beispiel Beiträge im „Lexikon der Biologie“. Das vorliegende Werk versucht, eine Hilfestellung zur Interdisziplinarität zu geben, die Natur- und Geisteswissenschaften miteinander verbinden soll.

Für uns ist das vorliegende Buch eine Hilfestellung zur Erarbeitung einer ganzheitlich ausgerichteten Weltanschauung, die nach Herbert Schweiger, eine Synthese aus Geistes-und Naturwissenschaften darstellt, um so zu einer ganzheitlichen Betrachtung zu gelangen. Es ist hilfreich für die Erarbeitung eines wissenschaftlich begründeten Menschenbildes, wodurch die menschliche Evolutionsgeschichte, konkret die menschliche Natur, in unseren politischen Entscheidungen berücksichtigen werden kann.

Buchsprechung aus der 13. Ausgabe von “Revolution auf Sendung”:


Zur Person:

Medicus promovierte an der Universität Innsbruck in Medizin. Er absolvierte die Ausbildung zum praktischen Arzt und danach zum Facharzt für Psychiatrie (Vergleiche Quelle 2). Nach dem Studium arbeitete er am Zoologischen Institut Wien als Forschungsassistent bei dem berühmten Zoologen Rupert Riedel. Medicus ist freier Mitarbeiter der Gruppe Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft, bei Irenäus Eibl-Eibesfeldt  und Wulf Schiefenhöfel.

In seiner Tätigkeit als Facharzt für Psychiatrie wurde ihm klar, dass die Denkansätze der Psychologen entweder natur- oder geisteswissenschaftlich fundiert seien, wobei sich beide Seiten oftmals widersprächen. Es sei aus wissenschaftstheoretischer Sicht an der Zeit, eine fächerverbindende Basis zu schaffen.

Was macht den Menschen aus? Wieso Körper und Geist trennen, wenn sie doch eine Einheit bilden? Genauso verhält es sich mit dem Zusammenspiel von Natur- und Geisteswissenschaften. Man braucht eine breite Vielfalt an Informationen, um eine ganzheitliche Sicht aufs große Ganze zu bekommen und dann daraus seine Schlüsse für sein Handeln und Werten zu ziehen. Die Evolution lässt sich am Menschen lesen, wie ein Buch, man muss es nur sehen können und wollen. Nur so kann man ein umfassendes Verständnis dafür entwickeln, was ihn ausmacht und dass in allen Bereichen die Natur einen genauso großen Teil ausmacht, wie der Geist und die Kultur.

 

Zum Werk:

 

Das Buch umfasst 224 Seiten, beinhaltet viele Themengebiete, verliert sich jedoch nicht in Details. Es ist für Laien anspruchsvoll, dennoch nachvollziehbar und verständlich. Gerade die ersten beiden Teile des Buches befassen sich mit der Wissenschaftstheorie und richten sich eher an die Fachleute unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen. Daher sind diese Kapitel etwas trockener und der ein oder andere wird hier Fachbegriffe und Denkstile nachschlagen müssen, um diese Kapitel vollständig zu begreifen. Ab dem dritten Teil ist es auch für den Laien leicht verständlich geschrieben.

 

Teil 1: wissenschaftstheoretische Grundlagen zur Interdisziplinarität

Im ersten Teil des Buches werden die wissenschaftstheoretischen Grundlagen vermittelt, die die Geistes-und Naturwissenschaften verbinden sollen. Er schreibt über das Leib-Seele-Problem, wie es zu der Spaltung der Wissenschaftsbereiche kam.

Medicus geht davon aus, dass die Spaltung mit der alten Gegenüberstellung von Körper und Geist verbunden sei. Die „Vernunftswissenschaftler“ wollten sich nicht mit den Sinneswahrnehmungen, die sich täuschen ließen hätten können, einlassen. Das manifestiere sich heute noch in der Spaltung der Wissenschaftler in Theoretiker (Geisteswissenschaftler) und Empiriker (Naturwissenschaftler).

Er schreibt weiter, wie man diese Spaltung überwinden könne. So schreibt er zum Beispiel:

„Im Kern geht es darum: Wie lassen sich die Fragestellungen und Ergebnisse der unterschiedlichen Disziplinen wissenschaftstheoretisch sinnvoll zusammenführen, um ein ganzheitliches Bild vom Menschen zu gewinnen?“(S. 26)

Aufbauend darauf werden wir uns folglich mit den Naturwissenschaftlichen Grundlagen, die zur Überwindung der Spaltung beitragen, beschäftigen, und zwar mit „Die Vier Grundfragen der biologischen Forschung“ und „Die System- oder Bezugsgrößen“. Im Anschluss werden vier philosophische Konzepte, die die Geisteswissenschaftlichen Grundlagen darstellen, beschrieben.

 

Der „Orientierungsrahmen für Interdisziplinarität in den Humanwissenschaften“ von Gerhard Medicus

 

1. Naturwissenschaftliche Grundlagen

Im Folgenden werden „Die Vier Grundfragen der biologischen Forschung“ beschrieben, da diese eine wesentliche Grundlage dieses Werkes darstellen und ein Teilaspekt des „integrativen Ansatzes“ sind.

 

1.1 „Die Vier Grundfragen der biologischen Forschung“

Die Vier „Warum-Fragen“ gehen auf die Untersuchungen der Nobelpreisträger K. Lorenz und N. Tinbergen zurück. Diese versuchten Verhaltensweisen zu erklären und fanden heraus, dass Verhaltensweisen nie nur eine Ursache zugrunde läge, sondern mehrere Ursachen besäßen.

 

Die “proximaten“ Ursachen-die unmittelbaren Zusammenhänge:

  • Verursachung
  • Ontogenese (individuelle Lebensgeschichte)

 

Die “Ultimaten“ Ursachen-die grundlegenden Zusammenhänge:

  • Anpassungswert
  • Phylogenese (Stammesgeschichte- Abstammungsgeschichte)

 

Medicus zieht bei den ersten beiden Grundfragen eine Analogie zu der Chemie und der Physik, da sie sich mit der Analyse von Ursache-Wirkungs-Beziehungen beantworten ließen. Bei der dritten und vierten Grundfrage ginge es um das evolutionäre Warum, Woher und Wozu.

  • Die Frage nach der Verursachung beschäftigt sich mit der Ursache-Wirkungs- Beziehung. Wie funktioniere also eine Verhaltensweise auf der chemischen, physiologischen, neuroethologischen, psychischen und sozialen Ebene? Man könne folglich als Erklärung einer spezifischen Verhaltensweise die Zusammenhänge zwischen Hormonen und Verhalten untersuchen. Eine Verhaltensweise wird durch aktuelle Schlüsselreize ausgelöst, daher spricht man auch von Wirkursachen oder unmittelbaren Ursachen. So flieht eine Maus vor einer Katze, weil sie sie erblickt hat (Schlüsselreiz). Das Fluchtverhalten hängt mit einer Veränderung des Hormonspiegels zusammen. Dennoch blieben dabei Fragen offen, zum Beispiel welchen Anpassungswert diese Verhaltensweise besäße oder warum sich diese „so-und-nicht-anders“ entwickelt hat.
  • Die Frage nach der individuellen Lebensgeschichte Wie entwickle sich Verhalten und wie verändere es sich, zum Beispiel durch Umwelteinflüsse, im Verlauf des individuellen Lebens? Hier beschäftigt sich die Forschung mit dem „inneren Plan“ der menschlichen Entwicklung, Verhaltensweisen wie das „Fremdeln“, die genetisch bedingt sind. Als Umwelteinflüsse werden zum Beispiel die Störungen einer gescheiterten frühkindlichen Bindung zu den Eltern genannt, dessen Auswirkung erhebliche Entwicklungsstörung nach sich ziehen kann.
  • Die Frage nach dem Anpassungswert Wozu sind die einzelnen Verhaltensweisen nützlich? In dieser Fragestellung beleuchtet man die Kosten und den Nutzen einer Verhaltensweise, zum Beispiel der Energieaufnahme und den Verbrauch. Ein Maß für den Anpassungswert sei die Anzahl der fortpflanzungsfähigen Nachkommen. Setzt sich eine Mutation durch, zeigt sich dies in der Anzahl der Nachkommen. Als Beispiel wird die Bindungsfähigkeit zwischen den Eltern genannt. Durch das Zusammenleben der Eltern ergeben sich Vorteile beim Großziehen der Kinder. Diese Vorteile können sich zum Beispiel in der Arbeitsteilung und bei der Ressourcenbeschaffung zeigen. Die romantische Liebe könne als „angeborener Lehrmeister“ betrachtet werden, der den Verliebten das langjährige Zusammenleben erleichtere, bis die Kinder größer sind. Der Zweck wäre demnach das Überleben und Wohl der gemeinsamen Kinder und auch Enkelkinder, meint Medicus.
  • Die Frage nach der Stammesgeschichte Welche Mechanismen haben dazu geführt, dass sich ein bestimmtes Verhalten im Laufe der Stammesgeschichte „so-und-nicht-anders“ entwickelt hat? Diese Frage beziehe sich stets auf einen Selektionsvorteil, den das Verhalten für das Individuum hatte. Nach Darwin erfolgt der Artenwandel im Verlauf der Stammesgeschichte infolge von Mutationen und Selektion. Durch zufällige Mutationen und Rekombination entstehen neue Varianten, die von der Selektion entweder gefördert oder ausselektiert werden. Demnach hätten sich heutige Merkmale aus früheren Merkmalen heraus gebildet, dies betrifft alle Leistungen des Menschen, anatomische sowie verhaltensbiologische Aspekte.

Ein Beispiel dazu wäre, dass aus dem fürsorglichen Brutpflegeverhalten unsere Sozialverhaltensweisen entstanden seien (wie Darwin und Eibl-Eibesfeldt aufzeigten).

 

1.2 Die System- oder Bezugsgrößen

Alle Grundfragen ließen sich auf verschiedenen Systemebenen stellen.
Wie funktioniere Verhalten auf molekularer, genetischer, zellulärer, anatomischer und sozialer Ebene?
Jedes wissenschaftliche Fachgebiet fokussiert seine Arbeit auf eine Bezugsgröße, das können Atome, Moleküle, Organellen, die Zelle oder Individuum, Familie, Populationen oder Artengemeinschaften sein.

 

Medicus Leistung ist es, die Grundfragen in einer Tabelle mit den „Systemebenen“: Molekül, Zelle, Organ, Individuum, Gruppe und Gesellschaft anzuordnen. Dies stelle eine Orientierungshilfe und gemeinsame Grundlage für Interdisziplinarität für Wissenschaften dar, die sich mit dem Menschen in unterschiedlicher wissenschaftlichen Ausrichtungen beschäftigen.

 

Foto aus genanntem Werk S. 26

 

Dies sei die kleinste gemeinsame Basis der unterschiedlichen Denkansätze.
Wie eine ausgefüllte Tabelle aussieht, zeigt Gerhard Medicus in den folgenden Seiten seines Werkes auf. Alternativ auch im Netz einzusehen: Hier nachzulesen (aus Quelle 3)

Dieses und weitere Themen sind Gegenstand aus Kapitel 1 des Buches.

 

2. Geisteswissenschaftliche Grundlagen

In diesem Kapitel werden geisteswissenschaftliche Grundlagen thematisiert, die eine Trennung der Natur-und Geisteswissenschaften zu überwinden helfen.

Ein Bereich thematisiert Karl Popper und die notwendige Verbindung von Theorie und Empirie. Popper sprach sich dafür aus, dass Theorien grundsätzlich falsifizierbar sein müssen.
Nicolai Hartmann kommt auch zu Sprache mit dem Thema des Aufbaus der realen Welt, der den Geist als Produkt des Materiellen ansieht und es werden die Schichtenregeln nach Hartmann besprochen.
Ebenso werden die Ansichten von David Hume und Norbert Bischof dargelegt, die zur Überwindung des naturalistischen und moralischen Fehlschlusses beitragen.

 

2.1 Karl Popper von der Verbindung von Empirie und Theorie

Karl Popper erkannte, dass nur Erwartungen (Theorie) und Erfahrungen (Empirie) zusammen zu einem neuen Kenntnisgewinn führen. Erwartungen würden durch neue Erfahrungen verbessert werden, so wie neue Theorien auch neue Erfahrungen ermöglichen würden. Er forderte, dass Theorien falsifizierbar sein müssen.

 

2.2 Nicolai Hartmann vom Geist als Produkt des Materiellen

Die Lehre von Nicolai Hartmann, welche eine verbindende Komponente darstellt, ist die Lehre vom „Schichtenbau des realen Seins“
Um dies ein wenig für den Leser zu veranschaulichen – es dreht sich hierbei um eine Erklärung, wie aus einem einfachen Merkmal komplexe Merkmale entstehen konnten, wie folglich die stammesgeschichtliche Höherentwicklung funktioniere. Wie die Entwicklung von Molekül oder Zelle bis hin zum menschlichen Geist funktioniere.
Laut Medicus würden die Schichtenregeln helfen, Zusammenhänge zwischen den Ebenen der unterschiedlichen Disziplinen zu verstehen.

Die erste Regel ist das Gesetz der Wiederkehr welches besagt, dass niedere Kategorien in höheren Schichten als Teilaspekte wieder zu finden seien. Die zweite Regel, das Gesetz der Abwandlung besagt, dass sich diese Elemente in höheren Schichten abwandeln würden. Das Gesetz des Novums besagt nun, dass sich die höheren Kategorien aus niederen Elementen zusammensetzen würden, die in niederen Kategorien so nicht enthalten wären. Die fünfte Regel, das Gesetz der „Gliedfunktion“ beschreibt nun, dass sich die Elemente in komplexeren Schichten durch die „Gliedfunktion“ zu etwas zusammengeschlossen haben und zu etwas wurden, was sie vorher nicht waren.

Auch Nicolai Hartmann sieht die Verbindung zwischen Logik und Empirie für notwendig an.
Im Verlauf der Kulturgeschichte hätte sich gezeigt, dass bei der Wahrheitsfindung in vielen Wissenschaftsbereichen logische Argumente als wissenschaftstheoretische Werkzeuge nicht ausreichen würden. Erst die Auseinandersetzung mit Empirie würde zu einem umfangreichen Erkenntnisgewinn führen. Wegen der Komplexität der realen Welt, sowie wegen der Unvollkommenheiten unseres Intellekts seien überzogene Gewissheitsansprüche realitätsfremd.

 

2.3 David Hume und Norbert Bischof zur Überwindung des naturalistischen und moralischen Fehlschlusses

In diesem Abschnitt geht es um die ethische Frage, was gut und was schlecht ist und welche Fehlschlüsse man ziehen könne.

Einer der wichtigsten philosophischen Beiträge zum Verhältnis von Moral und Wissenschaft würde, laut Medicus, von David Humme stammen, dieser entlarve den „naturalistischen Trugschluss“.

 

Erklärung:

Dieser Trugschluss trete auf, wenn versucht wird, mithilfe von Ist-Zuständen der Natur moralische Normen menschlicher Gemeinschaften zu legitimieren. Wenn folglich vom natürlichen Sein auf das moralische Sollen geschlossen wird.

Hier wird das Gute mit „natürlich“ gleichgesetzt.

 

Beispiel:

Die Empfängnisverhütung sei grundsätzlich abzulehnen, da die Sexualität natürlicherweise der Fortpflanzung diene.

 

Unsere Bewertung:

Im ersten Moment fragt sich der Leser vielleicht, was daran ein Trugschluss sein soll.
Und zwar werden hier weitere Faktoren, wie Umweltgegebenheiten, ausgeklammert, da „gut“ ja gleich „natürlich“ sei.

Wenn z.B. in einem Land ein Atombombenangriff erfolgte und die dortigen Menschen nur noch missgebildete Kinder auf die Welt bringen würden, die Regierung hier eingreift und eine gesetzlich erzwungene Empfängnisverhütung umsetzen würde, wäre laut diesem Trugschluss die Regierung moralisch „schlecht“, da sie die natürliche Funktion der Sexualität verhindere.

Auch jegliche Schwangerschaftsabbrüche wären per se als schlecht zu bewerten, auch wenn es durchaus berechtigte und nachvollziehbare Gründe dafür gäbe, wie z.B. eine Schwangerschaft durch Vergewaltigung.

Den umgekehrten Trugschluss beschreibt Norbert Bischof.

 

Moralistischer Trugschluss

 

Erklärung:

Dieser Trugschluss tritt auf, wenn vom Sollen auf den natürlichen Ist-Zustand geschlossen wird.

Es lässt sich gut mit dem Zitat von Christian Morgenstern beschreiben: „Nicht sein kann, was nicht sein darf.“.

 

Beispiel:

Häufig liest man Kritiken von Linken über unliebsame Autoren, die dann Theorien und Erkenntnisse mit dem Hinweis auf die Gefahr missbräuchlicher Anwendung ablehnen. Eibl-Eibesfeldts Erkenntnisse zu dem Bereich der natürlichen Fremdenfurcht führten zu einer Kritikwelle der Linken, er würde damit den Nazis in die Hände spielen. Dabei wird zu wenig klar zwischen ihrem Erkenntniswert und ihrem Anwendungswert unterschieden, auf den auch Medicus in seinem Werk hinweist.

 

Unsere Bewertung:

Der wissenschaftliche Wert liegt nicht im Anwendungswert einer Theorie (Z.B. durch die Politik) sondern in der Frage, ob sie die Wirklichkeit wahrheitsähnlich beschreibt.

„Keine Theorie ist vor missbräuchlicher Anwendung geschützt und ebenso wenig kann eine Theorie durch missbräuchliche Anwendung falsifiziert werden.“ (S. 55)

 

Teil 2-Stammesgeschichtliche Entwicklung der Wirbeltiere

Im zweiten Teil des Buches, das die Kapitel 3 bis 7 umfasst, geht es um den Tier-Mensch-Vergleich. Dieses Kapitel war aufgrund der gewählten Erklärungsmethode etwas schwerfälliger zu lesen. Es wird aufgezeigt, wie aus alten Vorbedingungen, neue, heutige Merkmale entstanden sind.

Es werden Themen beleuchtet, wie sich die Stammesgeschichte menschlichen Erkennens entwickelte und wie es von der Brutpflege im Tierreich zum menschlichen Sozialverhalten kam. In dem Kapitel der Evolution von Moral, streift er Themen, wie die Fragen zur Natur des Menschen und die, der evolutionären Wurzeln der Humanität und schreibt in seinen abschließenden Bemerkungen:

„Homo sapiens ist mit der Neigung ausgestattet, den ökonomisch leistungsfähigsten Kulturraum nachzuahmen. Die Leitbilder der potentesten Industriestaaten führen dadurch zum schleichenden Verlust der weltweiten kulturellen Vielfalt. Langfristig könnte es passieren, dass eine globale Einheitskultur zurückbleibt, die den Bedürfnissen des Menschen und den Bedingungen der Umwelt kaum gerecht wird.“(S. 111)

Weiter thematisiert er die natürlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die Entwicklung des Kindes, sowie der Umgang mit Ressourcen und Besitz. Beim Letzteren zieht er auch Parallelen zu Ideologien, so schreibt er:

„Kommunistische Ideologien neigen dazu, die Durchschlagskraft des individuellen Strebens nach Besitz zu verkennen. Wenn gesellschaftspolitische Entscheidungen falsche oder wirklichkeitsferne Annahmen zugrunde liegen, wird sich das früher oder später im historischen Verlauf zeigen.“ (S. 116)

 

Teil 3: ethologische Beiträge zu vereinzelten Verhaltensbereichen

Im dritten Teil werden spezielle Verhaltensbereiche beschrieben, so schreibt er über menschliche Universalien und die Sonderstellung von Menschen und Menschenaffen.
Ein interessantes Thema ist in diesem Kapitel die Kritik der Evolutionären Erkenntnistheorie am Konstruktivismus.
Der Konstruktivismus geht davon aus, dass unser Wissen über die Welt, nichts mit der Realität zu tun hätte, da der Einzelne sich seine Wirklichkeit im eigenen Kopf „konstruiert“. Wir würden die Welt also nicht so sehen, wie sie ist, sondern nur so, wie wir die Welt aus unseren eigenen Augen sehen. Medicus bewertet vom Standpunkt der evolutionären Erkenntnistheorie aus diese konstruktivistische Erkenntnistheorie und so schreibt er unter anderem:

„Naturgesetze waren vor jedem stammesgeschichtlichen Kenntnisgewinn da; sie waren sozusagen die Ursache der Evolution, gewissermaßen von der frühen chemischen Evolution an. Das bedeutet, dass auch unsere Anschauungsformen und Erkenntnisleistung Wirkungen dieser Naturgesetze sind. Der evolutionäre Kenntnisgewinn ist das Produkt der Wechselwirkung von realen Naturgesetzen mit realen Organismen.“ (S. 144)

„Unsere Vorstellungen und Theorien korrespondieren derart mit der Welt, dass wir zu vielen und zum Teil sehr umfassenden Prognosen fähig sind.“(S. 145)

„So wie es Konvergenzen in der Natur gibt, gibt es sie auch in der Wissenschaft. Unterschiedliche Spezialdisziplinen kommen immer wieder unabhängig voneinander und mit verschiedenen Methoden zu gleichen Ergebnissen.“ (S. 145)

 

Er beleuchtet weiterhin die frühkindliche Bindung und welche Bedeutung dies für das Leben spiele und thematisiert die Aggression aus verhaltensbiologischer Sicht. Auch widmet er sich dem Thema „der Mensch als soziales, politisches Wesen“, indem er einzelne Universalien des Menschen beschreibt, die für politisches Handeln relevant sind. Er geht auf die Bedingungen in Kleingruppen und die Bedingungen in Großgesellschaften ein.

So schreibt er zum Beispiel zu den Vorbedingungen für politisches Verhalten unter anderem:

„Fokussiert man beispielsweise die in Kapitel 11 erwähnten Kategorien der genetischen Distanz (Familie, Gruppe, Gruppenfremde), das Reflexionsvermögen, den Sinn für Gerechtigkeit, das Verständnis für Gruppeninteressen, die Sprache, dann gibt es den Homo politicus, so lange es den Homo sapiens gibt.“(S. 187)

Zu den drei Kategorien der genetischen Distanz schreibt er im Kapitel 11.:

„Soziale Säuger, nicht menschliche und wahrscheinlich auch menschliche Primaten verhalten sich so, als gäbe es drei Kategorien von Artgenossen, nämlich (a) die Familie, (b) die eigene soziale Gruppe oder den eigenen Stamm und (c) den Gruppenfremden.
Die drei Kategorien haben ultimate Entstehungsgründe, die […] Zugehörigkeit bestimmt sich über den Vertrautheitsgrad. Darwin (1871) und Eibl-Eibesfeldt (1995) sehen in sozialen Gruppen stammesgeschichtlich erweiterte Familien.[…]. In sozialen Gruppen spielt die Verwandtschaftshilfe und Kooperation zwischen Verwandten eine große Rolle, und es hatte offensichtlich einen Anpassungswert, diese Gruppe gegen entfernter Verwandte bzw. Fremde abzugrenzen (WICKLER & Seibt 1991).[…] Die zweite Kategorie, also die der sozialen Gruppe bzw. des Stammes, hat zweifellos kulturgeschichtlich eine Erweiterung erfahren und bezieht sich in Hochkulturen vielfach auf Ethnien und Staaten.“ (S. 178)

Schlussbemerkungen

Dieses Werk vermittelt zwei Ansätze, die von uns als Grundlagen genutzt werden sollten.

Zum einen bietet es einen komprimierten Einblick in die Erkenntnisse der Humanethologie und kann folglich zur Erarbeitung eines wissenschaftlich begründeten Menschenbildes genutzt werden.

Zum anderen ist es ein wissenschaftstheoretisches Hilfsmittel, das dazu beiträgt, die Spaltung zwischen Geistes-und Naturwissenschaften zu überwinden. In der Regel zieht man nur ein wissenschaftliches Fachgebiet zurate, ein Denkschema, das am besten zu einem passt. Wenn diese Erkenntnisse aus den jeweiligen Spezialgebieten nicht in einem interdisziplinären Zusammenhang gebracht werden, droht Wissensverzicht des weniger dominanten Fachgebietes.
Und genau hier bietet dieses Werk einen „Orientierungsrahmen für Interdisziplinarität in den Humanwissenschaften“. Es ist kein Werk, das man sich einmal durchliest und danach weglegt, es ist ein Werkzeug, das immer wieder zum Einsatz kommen kann.

 

Quellenverweise:
1. Am Zügel der Evolution Band 9, Gerhard Medicus- Was uns Menschen verbindet: Humanethologische Angebote zur Verständigung zwischen Leib- und Seelenwissenschaften, korrigierte und erweiterte 4. Auflage, 2017 , VWB-Verlag für Wissenschaft und Bildung
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Medicus#cite_note-10 abgerufen am 08.09.2018
3. Von der Seite Universität Innsbruck, abgerufen am 11.11.18 https://www.uibk.ac.at/psychologie/humanethologie/einfuehrung-in-die-humanethologie/medicus/

 

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