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Feder und Schwert LII – Kann man Kultur machen?

13.09.2020 - 05:00

Kultur und Zivilisation sind zwei verschiedene Dinge. Kultur ist die Summe aller geistigen und seelischen Bedürfnisse einer Nation. Zivilisation ist die Summe jener Einrichtungen, die es dem Menschen gestatten, körperliche und materielle Bedürfnisse zu befriedigen. Beide bedingen einander nicht. Unsere germanischen Vorväter stellten hohe geistige Ansprüche an das Sittengesetz, an den Glauben des Einzelnen und kamen dabei mit einem Mindestmaß an Zivilisation aus. Andererseits gibt es moderne Staaten, die zwar im Bau von Wolkenkratzern, Mikroprozessoren und neuartigen Waffen führend sind, ihre kulturellen Güter jedoch von anderen entlehnen müssen.

Zivilisation kann man machen. Unterweist man den kulturunfähigen Menschen im Gebrauch der Seife, der Führung eines Automobils, zieht man ihm Hosen an und lässt man ihn das Geld verdienen, das zur Anschaffung eines Flachbildfernsehers nötig ist, so wird er allmählich zivilisiert und bewegt sich schließlich untadelig in einer Achtzimmerwohnung mit fließendem Wasser und eingebauter Hausbar. Aber die Kultur kann man ihm nicht beibringen. Wäre das möglich, so hätten die jahrhundertelangen Bemühungen der Missionare sichtbare Ergebnisse zeitigen müssen. Diese sind anzuzweifeln und bestenfalls zivilisatorischer Art. Wo geistige und seelische Bedürfnisse in unserem Sinne nicht vorhanden sind, können sie auch nicht hervorgezaubert werden.

Niemals kann die Kultur im Gefolge der Zivilisation auftreten. Wohl aber kann die Zivilisation Dienerin der Kultur sein. Wenn ein Mensch mit Hilfe des elektrischen Lichts mehr Bücher lesen kann, als er ohne Licht zu lesen vermöchte; wenn er mit dem Schnellzug zu einer Opernaufführung fahren kann, während er sonst zu Hause bleiben müsste, so ist es die Zivilisation, die ihm die Befriedigung geistiger Ansprüche gestattet. Solcher Art kann die Zivilisation kulturfördernd wirken. Sie schafft zwar nicht das Bedürfnis, aber sie ermöglicht es ihm, dem Bedürfnis zu entsprechen. Sie kann auch noch ein weiteres tun, indem sie das Bedürfnis weckt, das in ihm schlummert. Gesetzt den Fall, ein Mensch sei im Urwald geboren und hätte niemals Musik gehört, und die zivilisatorische Errungenschaft des Rundfunks würde ihm diese eines Tages vermitteln, so würde in ihm ein Bedürfnis geweckt, dessen Vorhandensein ihm vorher unbewusst war. Hier wird aber die Grenze jeder Möglichkeit jedem sichtbar: Hat der Mensch im Urwald gar nicht das Bedürfnis, Musik zu hören, so wird auch der Radioapparat dieses Bedürfnis nicht in ihn hineinzaubern können und ihm wenig nützen. Er wird ihn bestenfalls in seine Bestandteile zerlegen, vielleicht zur Befriedigung eines andersgearteten geistigen Bedürfnisses, nämlich zur Erkenntnis physikalischer Zusammenhänge.

Daraus folgt, dass man Kultur mit Hilfe der Zivilisation wohl fördern kann, indem man die zivilisatorischen Errungenschaften einsetzt zur Erweckung ideeller Bedürfnisse und zur Ermöglichung ihrer Befriedigung, dass man aber Kultur nicht „machen“ kann, indem man sie in der Zivilisationsküche zubereitet und an jeden Einzelnen mit der großen Schöpfkelle verteilt. Es könnte sein, dass der ein oder andere das Gericht zurückweist, weil es ihm nicht bekömmlich ist.

Kultur ist ein unteilbares Ganzes. Zieht man einen Querschnitt durch die geistigen Bedürfnisse einer ganzen Nation – sofern sie überhaupt welche hat – so kann man wohl eine Tabelle der Einzelbedürfnisse aufstellen, aus denen sich die Gesamtkultur des Volkes zusammensetzt. Man kann sagen: soundso groß sind die sittlichen und religiösen Anforderungen, diesen und jenen Raum nimmt das Bedürfnis nach musikalischen Genüssen, nach dem Ergebnis literarischer, dramatischer, künstlerischer Werke ein, soundso groß ist der wissenschaftliche Forscherdrang. Aber man kann das Ergebnis dieser Untersuchung nicht einfach auf den Einzelnen übertragen! Nicht jeder Mensch ist zu einem Kulturschöpfer oder Wissenschaftler geboren und auch ein Richard Wagner hat kein Benzinfeuerzeug erfunden, genauso wenig wie ein Gottlieb Daimler ein Musikdrama geschrieben hat.

Ein Volk besteht nun gewiss nicht nur aus den großen Genies, aber es besteht, neben seinen Goethes und Wagners, aus vielen kleinen und noch mehr ganz kleinen. Jeder Mensch hat seine Begabung für ganz bestimmte Dinge, das heißt, ein besonderes Bedürfnis nach irgendetwas, das man in ihm wecken kann und fördern sollte. Das geschieht zunächst, indem man mit Hilfe der Zivilisation die Einrichtung schafft, die es dem Einzelnen ermöglicht, seine besonderen Bedürfnisse zu befriedigen: man baut Konzertsäle, Fachschulen, Bibliotheken, Theater, Opernhäuser, Kinos; man produziert Bücher, Musikinstrumente, Filme, Fernseher und Radioapparate; man fördert Kulturträger: Lehrer, Musiker, Dichter, Schauspieler. Man baut mit Hilfe der Zivilisation jenen vielgestaltigen Apparat auf, den man Kulturrüstung nennt und stellt es dem Einzelnen frei, wie und wo er seine geistigen Bedürfnisse befriedigen will. Das geht bis zu einem gewissen Punkt, an dem das soziale Problem die geistige Freizügigkeit des Einzelnen behindert. Je größer und komplizierter die „Kulturrüstung“, um so weniger bewahren uns schöne Worte vor der Erkenntnis, dass sie Geld kostet. Zwar ist Kultur keine käufliche Ware, denn man hat sie oder nicht. Aber die Befriedigung des geistigen und seelischen Bedürfnisses kann nun einmal nicht umsonst geschehen. Daher wird das soziale Problem zum Kulturproblem.

Der blasierte Spießer unterscheidet zwischen kultivierten und unkultivierten Leuten, wobei er sich selbst zu den kultivierten rechnet, weil er die Klassiker in der Anbauwand stehen hat und seine Tochter Klavierstunden nimmt. Diese Unterscheidung ist zwar falsch, denn selbst der ungelernte Arbeiter kann (nicht: muss) viel größere geistige Bedürfnisse haben als der Referatsleiter in der Bundesverwaltung. Wohl aber besteht der Unterschied darin, dass der Referatsleiter materiell dazu in der Lage ist, seine Ansprüche nach dieser Richtung zu befriedigen (sofern er es tut), während der ungelernte Arbeiter dies an Mangel an Geld im Allgemeinen nicht kann. Aus diesem Mangel baute der Marxismus seine Kulturtheorie auf. Getreu seiner Lehre von der Gleichheit aller, die Menschenantlitz tragen, unterwarf er auch die Kultur seinen materialistischen Anschauungen und betrachtete sie als einen großen Kuchen, den man in eine beliebige Anzahl gleich großer Stücke aufteilen kann. Gemäß seiner Milieutheorie betrachtete er alle Menschen als für die Kultur in gleicher Weise empfänglich. Es sollte ausreichen, die Kultur an sie „heranzubringen“, wie der Marxismus die materiellen Güter, die Zivilisation an die Menschen heranbringen wollte. Leider verkannte er dabei das Wesen der Kultur. Er sah in ihr nicht das dem Menschen innewohnende, durch Rasse und Vererbung bedingte geistige Bedürfnis, sondern eine Ware, ein käufliches Genussmittel, das man durch Konsumvereine zu verbilligten Preisen beziehen kann, wie Schnaps und Zigaretten.

In Wahrheit kommt es nicht darauf an, den Menschen an der Kultur zu „beteiligen“ und sie an ihn heranzubringen, sondern es kommt darauf an, ihm die Befriedigung geistiger Bedürfnisse zu ermöglichen. Man soll wohl die Hindernisse aus dem Weg räumen, die dieser Befriedigung entgegenstehen, aber im Übrigen muss diese Befriedigung jeder Einzelne für sich selbst vornehmen. Man soll die Zivilisation so einrichten, dass die Kultur des Einzelnen nicht eingeengt wird, aber die Kultur selbst kann man ihm nicht auf dem Präsentierteller überreichen. Mit ihr muss jeder allein fertig werden, wie mit den Glaubens- und Gewissensfragen, die ihn bewegen. Man kann Kirchen bauen mit oder ohne Beichtstühle, aber den Glauben schafft man nicht, indem man die Leute in die Kirchen zwingt. Die Kirchen haben das soziale Problem in vollkommener Weise gelöst, indem sie auch dem Ärmsten freien Eintritt gestatteten. Aber die können nicht behaupten, dass sie dadurch das Glaubensproblem gelöst hätten.

Der Wille, die soziale Not zu überwinden, ist einer der wesentlichen Kräfte, welche die nationalrevolutionäre Bewegung beim Aufbau eines neues Deutschlands bewegen. Dem gleichen Willen entspringt das Bemühen, Klassenschranken niederzureißen, die der Befriedigung geistiger Bedürfnisse materiell weniger gut gestellter Schichten im Volk im Wege stehen. Kulturelle Einrichtungen müssen jedem Deutschen unabhängig der Größe des Geldbeutels offen stehen können. Man kann Kultur nicht machen, wohl aber kann man das Bedürfnis der lebendigen Volksseele, sich kulturellen Einrichtungen zuzuwenden, stillen.

Da die kulturellen Bedürfnisse jedes Einzelnen verschieden sind, kann man die Bedürfnisse einer Gemeinschaft jedoch nicht nach einem Schema befriedigen. Man kann nicht eine Organisation im Gleichschritt an die Kultur „heranführen“, denn das wäre nur die Verwirklichung eines marxistischen Wunschtraums. „Man hat eine Leidenschaft für die Kunst“, sagte Rainer Schlösser einmal, „oder man hat sie nicht. Wer sie nicht hat, soll beispielsweise nicht ins Theater gezwungen werden.“ Richtig, denn der Mann, der kein Bedürfnis nach dramatischer Kunst empfindet, hat vielleicht ein solches für Musik, oder er neigt zu den bildenden oder schriftstellenden Künsten hin oder er stillt den Durst seiner Seele in der freien Natur und durch die Ausbildung von Körper und Geist, was durchaus den gleichen Ursprung haben kann. Gewiss, man soll nach dem Grundsatz „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ die Menschen zu harmonischen Charakteren heranbilden, aber erstens ist das eine Erziehungsfrage, die bei der heranwachsenden Generation zu lösen ist und zweitens schließt diese ideale Harmonie nicht ein Mindestmaß an geistigen Bedürfnissen in sich ein. Wir wären so wieder bei der Figur des kulturbeflissenen Normalmenschen angelangt, den es doch gar nicht geben kann.

Deshalb erscheint es auch unangebracht, eine „Volkskultur“ zu machen, so wie man einen Volkswagen baut, gewissermaßen also eine leicht erschwingliche Kultur für jedermann zu schaffen. Denn es ist ein Irrtum zu glauben, bis zu einem bestimmten „Kulturniveau“ reiche es für jedermann und bis zu diesem Niveau könne man es jedem recht machen. So ein „Niveau“ riecht bedenklich nach Standesunterschied. Es ist nicht einzusehen, weshalb der Arbeiter sich zum Beispiel in der Oper nur „Undine“ und „Wildschütz“ anhören soll, während Leute mit höherem Einkommen in den „Ring“ strömen. Massenkultur ist nicht das Ziel der Kulturpolitik, sondern nur ein Fundament, auf dem sie weiterbauen kann. Im Bereich der Kulturpolitik wird die soziale Tat immer darin bestehen, dass man dem Einzelnen die Tore öffnet, an die er pocht. Gewiss ist es schwer, sich im Rahmen von Organisationen vom Schema abzuwenden und mit dem Einzelnen zu befassen. Gewiss gehört auch der Mut der Unpopularität dazu, wenn der verantwortliche Leiter eines Kulturinstituts nicht nur der „breiten Masse“, sondern auch den wenigen, durch innere Berufung Auserwählten gefällig sein soll. Das „volle Haus“ ist nun einmal nicht der einzig mögliche Wertmesser für eine kulturelle Leistung und wenn man einem Dutzend armer Teufel mit dem „Faust“ oder der „Götterdämmerung“ ein Erlebnis fürs Leben geschenkt hat, hat man mehr für die Kultur getan als mit einem dreimal ausverkauften Bunten Nachmittag.

Das Ziel kann nur heißen: freie Bahn schaffen zu allen Kulturgütern der Nation. Jeder soll seine geistigen und seelischen Bedürfnisse befriedigen können, zwar nicht in Mark und und Pfennig, wohl aber in seinem Bemühen, sich kulturwürdig zu erweisen. Man soll den Kulturgütern den Charakter einer käuflichen Ware nehmen, ohne sie deshalb in ihrem Wert zu mindern und sie dem Volk frei zugänglich machen. Es liegt jedoch im Wesen einer hohen Kultur, das sie errungen werden muss. Bedürfnisse, die man leicht befriedigen kann, sind gewöhnlich oberflächlicher Natur. Erst wenn das Theater oder die Oper das Sofa vor der Mattscheibe, auf dem das niveaulose Nachmittagsprogramm eines privaten TV-Senders flimmert, als Ort ablösen, an dem das gemeine Volk am Kulturleben beteiligt wird, anstatt es nur seicht zu unterhalten, hat unsere Bewegung alle Hausaufgaben in ihrem Kampf um unsere Kultur gemacht.

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